Einführung: Die Schnittstelle von IDM und Jazz
Text: mmr|Thema: Über Musik, dargestellt als Struktur der Zeit selbst
Die Verschmelzung von IDM und Jazz erfolgte nicht als Ergänzung von Genres, sondern als Neugestaltung des Zeitgefühls und der Aufführungsphilosophie. Indem die Grenzen zwischen Improvisation und Komposition, Groove und Programmierung sowie menschlicher Kraft und Maschinen verwischt werden, entsteht eine Ästhetik, die sich von der traditionellen Fusion unterscheidet. Seit den 1990er Jahren, als sich Clubkultur und experimenteller Jazz gleichzeitig vertieften, ist die rhythmische Struktur selbst zum Gegenstand der Musik geworden.
Wenn man IDM x Jazz nicht als Stil, sondern als Methodik zur Zeitverarbeitung versteht, ist es einfacher, das Gesamtbild zu erkennen.
Etablierung von IDM und Veränderungen in der Sicht auf Rhythmus
Intelligente elektronische Musik nach Breakbeats
In den frühen 1990er-Jahren machten die Versuche, Breakbeats zu unterteilen und zu rekonstruieren, Fortschritte, und Rhythmen, die eher Veränderungen als Wiederholungen enthielten, gewannen an Bedeutung. In einem Bereich namens IDM liegt der Fokus weniger auf der Stabilität des Tempos als vielmehr auf dem, was im Takt passiert. Der Rhythmus hat sich von einer Grundlage des Tanzens zu einer Informationsstruktur des Zuhörens gewandelt.
Taktart und Tempo neu definieren
Im IDM existieren innerhalb eines 4/4-Takts oft mehrere Perioden gleichzeitig. Selbst wenn ein konstantes Tempo beibehalten wird, verschiebt sich die Platzierung von Snare und Hi-Hat regelmäßig, was zu Schwankungen im Taktgefühl führt. Diese Denkweise wurde später stark mit dem Polyrhythmusverständnis des Jazz verbunden.
IDM hat eine Technik entwickelt, die den Zeitfluss verzerrt und gleichzeitig das Tempo konstant hält.
Der Fluss der Elektronisierung aus der Perspektive des Jazz
Genealogie vom Elektro-Jazz
Der elektrische Jazz der 1970er Jahre legte Wert auf die Erweiterung der Rhythmusgruppe und anhaltende Grooves, ging jedoch nicht so weit, den Beat herunterzubrechen. Seit den 1990er Jahren ist es durch die Einführung von Samplern und Sequenzern möglich, präzise Wiederholungen durchzuführen und winzige Verschiebungen zu erzeugen, die manuell nur schwer durchzuführen sind.
Koexistenz von Improvisation und Programmierung
Auch im elektronischen Umfeld geht die Improvisation nicht verloren. Die Darsteller manipulieren Loops und Effekte in Echtzeit und improvisieren so die Struktur selbst. Die Improvisation erscheint hier nicht als Phrase, sondern als strukturelle Manipulation.
Die Elektronisierung hat dem Jazz den improvisatorischen Charakter nicht genommen, sondern ihn auf eine andere Ebene verschoben.
Ein konkretes Bild von IDM x Jazz, gesehen in Squarepusher
Integration von Bass-Performance und Programmierung
Squarepusher behandelte schnelles E-Bass-Spiel und extrem fragmentierte Drum-Programmierung als dieselbe musikalische Sprache. Während die Basslinie ein jazzartiges Geh- und Phrasierungsgefühl hat, ist der Rhythmus im IDM-Stil aufgeschlüsselt.
Rhythmuszerlegung und -rekonstruktion
Trommelmuster mögen auf den ersten Blick zufällig erscheinen, doch im Inneren gibt es eine klare periodische Struktur. Das Muster wird alle paar Schläge aktualisiert, nicht in jedem Takt, sodass sich der Groove ständig ändert.
Die Musik von Squarepusher hebt die Unterscheidung zwischen Aufführung und Bearbeitung auf.
Derivative Ansätze nach Shigeto
Fusion von Live-Drums und elektronischer Bearbeitung
Shigeto konzentrierte sich auf akustisches Schlagzeug und komponierte Musik mit Blick auf die Nachbearbeitung und Loop-Verarbeitung. Dadurch entsteht ein Klangbild, das sowohl vom Menschen erzeugte Schwankungen als auch elektronische Präzision aufweist.
Minimale Struktur und komplexes Interieur
Oberflächlich betrachtet wird die einfache Wiederholung fortgesetzt, aber im Inneren ändern sich die Akzentpositionen und Geisternoten ständig. Obwohl der Klang für die Ohren ruhig ist, ist er bei der Analyse voller Informationen mit hoher Dichte.
Nach Shigeto ging der Trend dahin, die Komplexität im Inneren zu verbergen, anstatt sie in den Vordergrund zu rücken.
Strukturanalyse komplexer Rhythmen
Polyrhythmus und Polymeter
In IDM x Jazz werden Polyrhythmus, bei dem mehrere Rhythmuszyklen gleichzeitig ablaufen, und Polymeter, die unterschiedliche Taktarten haben, zusammen verwendet. Wichtig ist, dass sie mathematisch konsistent und nicht völlig chaotisch sind.
Mikro-Timing-Steuerung
Durch das Vor- und Zurückbewegen der Noten in Millisekundenschritten entsteht ein Groove, der sowohl mechanisch als auch organisch ist. Dabei handelt es sich auch um einen Prozess, menschliche Spielgewohnheiten zu analysieren und gezielt neu zu ordnen.
Komplexität entsteht nicht durch die Menge an Informationen, sondern durch die Genauigkeit der zeitlichen Anordnung.
Ausrüstung und Produktionsumgebung
Rollenverteilung zwischen Hardware und Software
Der Sampler und die Drum Machine bilden das rhythmische Gerüst, die DAW ist für die Präzision der Bearbeitung und des Arrangements verantwortlich. Live-Auftritte wie Bass und Schlagzeug werden oft als Material aufgenommen und dann rekonstruiert.
Unterschied zwischen Live und Studio
Im Studio ist eine äußerst detaillierte Bearbeitung möglich, bei Live-Auftritten ist jedoch die strukturelle Flexibilität wichtiger als die Reproduzierbarkeit. Daher entwerfen Interpreten Musik so, dass sie sofort zwischen mehreren Loops und Mustern wechseln kann.
Die Ausrüstung wird für die Zeitkontrolle und nicht für die Klangfarbe ausgewählt.
Chronologie: Fortschritt von IDM x Jazz
1990er Jahre
Mit der Gründung von IDM und der Weiterentwicklung der Breakbeats begann die Einführung elektronischer Geräte im Jazz ernsthaft.
2000er Jahre
Performance-basierte IDMs wie Squarepusher erregen Aufmerksamkeit und die Integration von Live-Musik und Programm schreitet voran.
Seit 2010
Seit Shigeto gibt es eine Zunahme introspektiver und minimalistischer Ansätze und die Komplexität hat sich innerhalb der Struktur verschoben.
Dieser Trend wird immer noch langsam aktualisiert.
Fazit: Zeitkunst, die Genres überschreitet
IDM x Jazz ist ein Bereich, der als Idee zum Umgang mit Zeit verstanden werden sollte und nicht als Genrename konsumiert werden sollte. Die Grenzen zwischen Aufführung und Schnitt, Improvisation und Gestaltung haben bereits ihre Bedeutung verloren und Musik wird als zeitliche Struktur selbst präsentiert.
Diese Fusion wird sich im Zuge der Weiterentwicklung von Technologie und Leistungsphilosophie weiterhin verändern.