[Kolumne] Kann Klang zur Ausstellung werden? Die Schnittstelle zwischen Yoshihide Otomo und Raumkunst
Column de Installation Noise Soundtrack
Der Moment, in dem Klang zur Ausstellung wird
Text: mmr|Thema: Interpretation der Praxis der kontinuierlichen Transformation von Musik in den Raum durch Anekdoten und repräsentative Werke
Vom Improvisationsmusiker zum Raumkünstler
Obwohl Yoshihide Otomos Karriere im Kontext des japanischen Free Jazz/Improvisationsmusik begann, verließ er diesen Rahmen schon früh. Obwohl er eine Gitarre und einen Plattenspieler in der Hand hatte, fungierten sie eher als „Geräte zur Klanganordnung im Raum“ denn als Musikinstrumente.
Insbesondere seine Aktivitäten am Ground Zero in den 1990er Jahren symbolisierten einen Wendepunkt. Die Methode, eine riesige Menge an Schallplatten und vorhandenen Klangquellen zu fragmentieren und neu anzuordnen, war nicht einfach nur Sampling, sondern kam der „Architektur des Klangs“ nahe. Sein Meisterwerk „Consume Red“ ist ein extremes Beispiel dafür, wo der Hörer in eine überwältigende Menge an Informationen geworfen wird, die es unmöglich macht, dem Song zu folgen.
Es heißt, dass es bei Live-Konzerten damals nicht selten vorkam, dass das Publikum aufgrund der zu hohen Lautstärke und Lärmdichte den Veranstaltungsort mittendrin verließ. Dies war jedoch kein Misserfolg; es war auch eine absichtliche Struktur, die die Grenzen des Aktes des „Zuhörens“ offenlegte.
Musik hat sich von etwas, das es zu verstehen gilt, zu etwas gewandelt, das als Raum erlebt werden kann.
Anekdote: Ein Konzert, bei dem der Ton verschwand
Extrem mit Sachiko M
Die Zusammenarbeit mit Sachiko M nimmt eine einzigartige Stellung in Yoshihide Otomos Karriere ein. Der von ihr verwendete Sinusoszillator ist ein Gerät, das eine einzelne Frequenz mit geringen Schwankungen aufrechterhält.
Bei einer Aufführung war die Lautstärke so niedrig, dass viele im Publikum das Gefühl hatten, als ob nichts passierte. Im hinteren Teil des Veranstaltungsortes waren jedoch die Vibrationen der Klimaanlagen, das Knarren von Stühlen und das Atemgeräusch des Publikums spürbar.
Dieser Vorfall ist eine der oft erzählten Anekdoten und wird nicht als „die Unterdrückung der Aufführung durch die Umgebungsgeräusche“ verstanden, sondern als ein Moment, in dem „die Umgebung selbst in ein Werk verwandelt wurde“.
Es gibt auch die Geschichte, dass bei einer anderen Aufführung ein Zuschauer dachte, dass es ein Problem mit der Ausrüstung gäbe, und sich beim Personal beschwerte. Das war aber eigentlich die Intention des Stückes, und sogar der „Zustand ohne Ton“ wurde als Bestandteil eingebaut.
Stille ist keine Abwesenheit, sondern das wirkungsvollste Mittel, Raum freizulegen.
Sound als Installation
Eindringen in den Ausstellungsraum
Otomos Auftritte in Museen und Galerien unterscheiden sich definitiv von traditionellen Live-Musik-Auftritten. Das Publikum ist nicht an seinen Sitzplatz gebunden, sondern kann sich frei bewegen und den Klang erleben.
In einer Ausstellung waren mehrere Lautsprecher im Raum verteilt, wodurch je nach Position des Publikums ein völlig anderes Klangerlebnis entstand. Es gibt kein Frontkonzept und die Arbeit ändert sich je nachdem, wo man steht.
Diese Form entspricht der Logik der Installation in der bildenden Kunst. Obwohl Klang kein Objekt ist, fungiert er als „Ausstellungsstück“, indem er die Bedingungen des Raumes verändert.
Noch interessanter ist, dass die Darsteller selbst als Teil des Raumes behandelt werden. Die Performance ist kein „Sehobjekt“, sondern ein „Element räumlicher Veränderung“.
Klang dringt in den Raum ein und schreibt das Ausstellungsformat selbst neu.
Spezifisches Bild der Raumkunst aus repräsentativen Werken
Hin- und Herbewegung zwischen Übermaß und Mangel
„Consume Red“ von Ground Zero ist ein Werk, das den Klangexzess auf die Spitze treibt. Andererseits wird in „Revolutionary Pekinese Opera ver. 1.28“ prallen kulturelle Fragmente aufeinander und die Bedeutungsauflösung schreitet voran.
Bei „Filament“ und „Sine Wave Solo“ mit Sachiko M hingegen ist der Klang auf das Nötigste reduziert. Das Thema hier ist nicht „Was erzeugt den Klang“, sondern „Wie verändert sich der Raum?“
Darüber hinaus enthält „Dreams“ von Otomo Yoshihides New Jazz Ensemble ein großes Ensemble an Improvisationen, die Struktur wird jedoch als Gesamtfluss und nicht als einzelne Darbietungen wahrgenommen.
Auf diese Weise aktualisieren seine Werke das räumliche Bewusstsein immer wieder und bewegen sich zwischen den Extremen „Übermaß“ und „Mangel“ hin und her.
Zu viel Ton und zu wenig Ton sind kein Widerspruch; beides sind Mittel zur Schaffung von Raum.
Filmmusik und Auftritt vor Ort
Kann im Video improvisiert werden?
Die Haltung von Yoshihide Otomo ist auch in puncto Filmmusik konsequent. Auch wenn der Ton aufgezeichnet wird, ist es wichtig, das Gefühl zu bewahren, dass er vor Ort erzeugt wird.
Im Film „Dr. „Akagi“ leitet die Musik nicht die Emotionen der Szene, sondern erzeugt vielmehr eine einzigartige Spannung, indem sie parallel zu den Bildern existiert.
Eine noch interessantere Anekdote ist die Produktionspolitik, die Musik nicht streng mit dem Video zu synchronisieren, sondern absichtlich einige „Diskrepanzen“ zu belassen, um das Gefühl vor Ort aufrechtzuerhalten. Diese Diskrepanz löst beim Zuschauer ein unbewusstes Unbehagen aus und macht das Videoerlebnis dreidimensionaler.
Darüber hinaus können bei Live-Vorführungen selbst für denselben Film jedes Mal unterschiedliche Töne hinzugefügt werden, und die Arbeit ist nicht festgelegt.
Filmmusik ist kein fertiges Produkt, sondern hat eine Struktur, die bei jeder erneuten Aufführung aktualisiert wird.
Chronologie: Die Schnittstelle zwischen Anekdoten und Meisterwerken
Eine Anekdote ist nicht nur eine Episode; es zeigt die Essenz eines Ausdrucks.
Diagramm: Struktur von Überschuss und Mangel
Die Extreme des Klangs werden zu einem Instrument zur Erschütterung der räumlichen Wahrnehmung
Diagramm: Raumstruktur inklusive Publikum
Die Anwesenheit des Publikums selbst wird zum Bestandteil der Arbeit.
Musik, die die Massen erreicht
Der Wendepunkt von „Ama-chan“
Die NHK-TV-Dramaserie „Ama-chan“ aus dem Jahr 2013 war ein entscheidender Wendepunkt in Yoshihide Otomos Karriere.
Seine Musik, über die bis dahin oft in Underground- und Experimentalkontexten gesprochen wurde, hielt plötzlich Einzug in den „Alltag“ Japans. Obwohl das Eröffnungsthema eine leichte und vertraute Melodie hat, enthält es eine Jazz- und minimalistische Musikstruktur. (Apple Music – Web Player)
Noch wichtiger war der anschließende Live-Auftritt. „Ama-chan Special Big Band“ gibt nicht nur die Begleitmusik wieder, sondern wurde auch als großes Ensemble rekonstruiert. Bei nationalen Tourneen und Auftritten in der NHK Hall wurden begeisterte Reaktionen aufgezeichnet, bei denen das Publikum auf den Beinen stand. (Tower Records Online)
Was hier passierte, war mehr als nur ein Hit.
- Experimentelle Musiker betreten das Zentrum der Populärkultur
- Improvisation ist mit der Form der Popmusik verbunden
- Musik erweitert sich als „gemeinsames Erlebnis“
Mit anderen Worten: „Ama-chan“ war ein symbolisches Ereignis, bei dem sich Otomos Musik von einer „geschlossenen Avantgarde“ zu einem „offenen öffentlichen Raum“ wandelte.
Die Avantgarde gewinnt zunächst gesellschaftlichen Raum, indem sie in die Massen übersetzt wird.
Ensembles Tokio und „Musik für alle“
Ein Gerät namens Handzeichen
Ensembles Tokyo, bei dem Yoshihide Otomo als künstlerischer Leiter fungierte, ist das Projekt, in dem seine Ideen am deutlichsten sozialisiert werden.
Im Mittelpunkt dieses Projekts steht ein Performance-System mit „Handzeichen“. Musik entsteht dadurch, dass der Dirigent durch Handbewegungen improvisatorische Anweisungen gibt und die Teilnehmer darauf reagieren.
Die Bedeutung dieser Methode ist klar:
- Keine Noten erforderlich
- Unabhängig davon, ob Sie eine musikalische Ausbildung haben oder nicht
- Etablieren Sie gleichzeitig Improvisation und Kontrolle
Tatsächlich läuft dieses Projekt seit 2015 und fungiert als „partizipatives Festival“, bei dem allgemeine Teilnehmer und professionelle Musiker am selben Ort auftreten.
Darüber hinaus wurde während der Coronavirus-Pandemie die Handzeichenmethode als Video veröffentlicht und als Mechanismus zur Gründung eines Ensembles auch aus der Ferne geteilt.
Diese Idee ist äußerst radikal.
Musik wird nicht mehr als etwas zum Anhören definiert, sondern als sozialer Prozess, an dem jeder teilnehmen kann.
Musik wird von einer technischen Fertigkeit zu einem gemeinsam nutzbaren Akt
Video: Handzeichen und Gruppenimprovisation
Ensembles Tokyo Handzeichen-Lehrvideo
Internationale Expansion
Akustischer Raum expandiert nach Wien, Korea
In den letzten Jahren haben sich die Aktivitäten von Yoshihide Otomo über Japan hinaus auf Asien und Europa ausgeweitet. Bei Auftritten in Südkorea und Live-Shows in Europa wie Wien überschreitet er weiterhin die Grenzen zwischen improvisierter Musik und Klangkunst.
Der Punkt ist, dass seine Musik eher als „Methodik“ denn als „Genre“ wahrgenommen wird.
- Improvisation = Struktur der Kommunikation
- Akustik = Mittel der Raumgestaltung
- Ensemble = soziales Modell
Da diese Elemente über Länder und Kulturen hinweg gemeinsam genutzt werden können, werden sie in jeder Region in unterschiedlicher Form transformiert und weiterentwickelt.
Musik wird nicht als Werk exportiert, sondern als Methode verbreitet.
Anekdote: Der Moment, in dem das Publikum zum Darsteller wird
Verschwinden von Grenzen
Bei Ensembles Tokyo kommt es oft zu Momenten, in denen die Grenze zwischen Publikum und Interpret verschwindet.
In einer Sitzung spielten die Workshop-Teilnehmer eine zentrale Rolle bei der Aufführung, wobei professionelle Musiker auf die Aufführung reagierten. Dies ist eine umgekehrte Beziehung in der normalen musikalischen Struktur.
In anderen Fällen verschmolzen Bon-Tanz und Improvisation und machten Musik und körperliche Bewegung untrennbar miteinander verbunden.
Diese Veranstaltungen sind kein Zufall, sondern ein Ergebnis der Designphilosophie „Jeder kann mitmachen“.
Musik ist kein Gegenstand mehr der Wertschätzung, sondern ein Ort, der durch Teilhabe entsteht.
Fazit: Musik als Gesellschaft
Wohin geht der Ton?
Was Yoshihide Otomos Aktivitäten durchzieht, ist die konsequente Idee, „durch Klang einen Ort zu schaffen“.
- „Ama-chan“ richtet sich an die Massen. *Ensembles Tokio für die Gesellschaft
- Interkulturelle Aktivitäten bei internationalen Aktivitäten
Musik ist kein Gesamtkunstwerk mehr, sondern hat begonnen, als eine Infrastruktur zu fungieren, die Menschen verbindet.
Im Mittelpunkt steht dabei eine sehr einfache Frage.
„Wer macht die Musik?“
Otomos Antwort ist klar.
Es sind nicht nur die Darsteller.
Musik ist ein Raum, der von jedem darin geschaffen wird