1. Vor konkreter Musik: Gedanken, die Klang als „Objekt“ behandeln
Text: mmr|Thema: „Neudefinition von Tonbandmusik/konkreter Musik im Kontext der Neubewertung der Avantgarde-Musik der 1970er Jahre“
1.1 Isolierung akustischer Phänomene
Vor der konkreten Musik wurde Musik als eine Kombination abstrahierter Elemente wie Tonhöhe, Rhythmus und Harmonie betrachtet. Mit der Entwicklung der Aufnahmetechnik wurde der Klang jedoch als zeitliches und räumliches Ereignis isoliert und zu einem Objekt, das neu arrangiert werden kann. Diese Idee wurde zum Ausgangspunkt für die Aufhebung der Unterscheidung zwischen Instrumentalgeräuschen und Umgebungsgeräuschen.
1.2 Rundfunktechnik und Experimentierraum
Die dem Sender angeschlossene Forschungseinrichtung fungierte anders als der Aufführungsort als Experimentierraum. Die in einem ausschließlich der Reproduktion dienenden Raum gespielten Klänge wurden vom Körper des Interpreten getrennt und der Akt des Zuhörens selbst neu strukturiert.
2. Die Substanz namens Klebeband
2.1 Aufbau des Magnetbandes
Magnetband ist ein flexibles physisches Medium. Vorgänge wie Schneiden, Spleißen, Abwickeln und Ändern der Geschwindigkeit wurden allesamt als physische Handlungen ausgeführt. Diese Körperlichkeit wurde in den 1970er Jahren zu einem wichtigen Faktor der Neubewertung.
2.2 Komposition als Bearbeitungsakt
Der Tonbandschnitt wurde nicht als Aufnahme einer Aufführung gesehen, sondern als Akt der Komposition selbst. Die Entscheidungen, die vor dem Schneidetisch getroffen wurden, hatten die gleiche, wenn nicht sogar noch größere Bedeutung als die Entscheidungen, die an der Partitur getroffen wurden.
3. Aufnahmetechniken vertiefen
3.1 Sammlung von Nahgeräuschen und Materialempfindung
Durch die extrem nahe Platzierung des Mikrofons an der Schallquelle wurden winzige Geräusche und Vibrationen aufgezeichnet, die in einem normalen Aufführungsraum nicht wahrnehmbar wären. Dadurch wurde Klang nicht mehr als abstrakte Tonhöhe, sondern als Präsenz mit Masse wahrgenommen.
3.2 Mehrpunkt-Soundsammlung
Die Tonaufnahme mit mehreren Mikrofonen war der Vorgang, eine einzelne Tonquelle aus verschiedenen Perspektiven einzufangen und wurde zur Grundlage für die Neugestaltung der räumlichen Struktur im späteren Schnittprozess.
4. Bearbeitungstechniken und Zeitmanipulation
4.1 Genauigkeit der Schnittbearbeitung
Die Millimeterschnitte formten körperlich die rhythmische Struktur. Anstelle einer einheitlichen Taktart entstand durch die Verkettung heterogener Zeitfragmente ein neues Zeitgefühl.
4.2 Schleifen und Iterationen
Die Bandschleife verwischte die Unterscheidung zwischen Start- und Endpunkt und erzeugte einen kontinuierlichen Klangzustand. Diese Technik hatte direkten Einfluss auf spätere Drone-, Minimal- und Noise-Praktiken.
5. Transformationsvorgang
5.1 Geschwindigkeitsumwandlung
Das Ändern der Wiedergabegeschwindigkeit ist ein Vorgang, der gleichzeitig die Tonhöhe und die Zeit ändert. Die Avantgardemusik der 1970er Jahre betonte diesen unumkehrbaren Wandel.
5.2 Rückwärtswiedergabe
Durch die Rückwärtswiedergabe wurde der kausale Zusammenhang zwischen Klängen aufgehoben und die Wahrnehmungsgewohnheiten der Zuhörer gestört.
6. 1970er Jahre: Schnittpunkt mit improvisierter Musik
6.1 Feste Medien und Improvisation
Improvisierte Musik basiert grundsätzlich auf einer einmaligen Darbietung, aber das Ergebnis wird durch Tonband fixiert. Gleichzeitig entstand eine Praxis, die die Tonbandwiedergabe als Teil der Improvisation betrachtete und die Grenze zwischen fest und variabel verwischte.
6.2 Anschluss an spannungsführende Elektronik
Die Bandmanipulation wurde zum Prototyp der späteren Live-Elektronik. Durch die sofortige Steuerung der Wiedergabegeschwindigkeit und des Mischens wurde die Unterscheidung zwischen Aufführung und Bearbeitung aufgehoben.
7. 1970er Jahre: Kontinuität mit der Lärmpraxis
7.1 Lärmbestätigung
Bei Tonbandmusik wurden Verzerrungen, Rauschen und Bearbeitungsspuren nicht beseitigt, sondern als Teil der musikalischen Struktur behandelt. Dies steht in direktem Zusammenhang mit der Ästhetik der Lärmpraxis in den 1970er Jahren.
7.2 Medienspezifisches Rauschen
Die für Bänder charakteristischen Sättigungs-, Aussetzer- und Gleichlaufschwankungen wurden als Ausdruckselemente unabhängig von der Tonquelle neu bewertet.
8. 1970er Jahre: Fusion mit elektronischer Musik
8.1 Elektronische Tonquellen und Tonbänder
Die Erzeugung der Tonquelle mittels Synthesizer sowie die Bearbeitung und Korrektur mittels Tonband ergänzten sich. Elektronische Musik entstand sofort, während Tonbandmusik strukturiert wurde.
8.2 Erweiterung der Atelierfläche
Das Studio wird mittlerweile eher als Sound-Design-Raum denn als Aufführungsraum angesehen.
9. Strukturelles Design und Hörerlebnis
9.1 Nichtlineare Struktur
Tonbandmusik erforderte nicht unbedingt einen Anfang, eine Entwicklung und ein Ende.
9.2 Umschulung des Zuhörens
Der Prozess der Abstraktion realer Geräusche erforderte von den Zuhörern, ihre Aufmerksamkeit auf eine neue Art und Weise zu lenken.
10. Einflussdiffusion
10.1 Experimentelle Musik und darüber hinaus
Seit den 1970er Jahren haben Ideen der Tonbandmusik eine Vielzahl von Genres durchdrungen.
10.2 Beziehung zwischen Schallplatten und Werken
In dieser Zeit reifte die Erkenntnis, dass Aufnahmen selbst Kunstwerke seien.
11. Chronologie
- 1940er Jahre: Die Verbreitung der Magnetbandaufzeichnung
- 1950er Jahre: Systematisierung der Gutai-Musik
- 1960er Jahre: Aufbau von Studios für elektronische Musik
- 1970er Jahre: Neubewertung durch Verschmelzung von Improvisation, Noise und elektronischer Musik
12. Technik-Beziehungsdiagramm
Fazit: Das Herzstück der Aufarbeitung der 1970er Jahre
Tonbandmusik/konkrete Musik wurde in den 1970er Jahren in der Avantgarde-Musik als Grundlage zwischen Improvisation, Noise und elektronischem Klang wiederentdeckt. Die Methodik der Intervention in physischen Medien definierte Musik neu als zeitliches Ereignis, ein Einfluss, der bis heute anhält.