Einleitung: Die Stellung der Berliner Schule in der Geschichte der elektronischen Musik
Text: mmr|Thema: Progressive elektronische und elektronische Musik der Berliner Schule von den späten 1960er Jahren bis zur Gegenwart
Die elektronische Musik des 20. Jahrhunderts begann im Bereich akademischer Forschung und experimenteller Kunst. Nach der Entwicklung elektronischer Musikinstrumente in den 1920er und 1930er Jahren, der Magnetbandtechnologie nach dem Krieg und der Gründung von Musique Concrète- und elektronischen Musikstudios in den 1950er Jahren begann sich in den späten 1960er Jahren ein Umfeld zu entwickeln, das es einzelnen Komponisten ermöglichte, elektronische Musik außerhalb des Studios zu schaffen. Inmitten dieser Veränderung entstand vor allem in Westdeutschland eine Reihe progressiver elektronischer Musik, die später unter dem Sammelbegriff „Berliner Schule“ bekannt wurde.
Die Berliner Schule ist keine einheitliche Bewegung und keine offizielle Schule im eigentlichen Sinne. Es handelt sich um einen Namen, der in der späteren Musikgeschichtsforschung und -kritik als Ergebnis der Arbeit mehrerer Komponisten in einem gemeinsamen Ballungsraum, einem gemeinsamen technologischen Umfeld und gemeinsamen musikalischen Interessen vereinheitlicht wurde. Im Mittelpunkt stehen Komponisten und Projekte wie Tangerine Dream, Klaus Schulze und Ash Ra Tempel (später Ashra).
Kapitel 1 Vorgeschichte: Von der experimentellen elektronischen Musik zum persönlichen Studio
Gründung der elektronischen Musik der Nachkriegszeit
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Deutschland Untersuchungen zur Komposition mit rein elektronischen Klängen durchgeführt, deren Mittelpunkt das Kölner Studio für elektronische Musik war. Unterdessen entwickelte sich in Frankreich die Musique Concrète, die Umgebungs- und Betongeräusche als Material nutzt. Diese Trends gaben späteren elektronischen Musikern das Konzept, „den Klang selbst zu konstruieren“.
In den 1960er Jahren erschienen modulare Synthesizer. Es wurde möglich, Tonhöhe, Klangfarbe und Rhythmus durch Spannungssteuerung zu ändern, sodass Komponisten den Klang in Echtzeit manipulieren konnten. Dieser technologische Fortschritt unterstützte die Entstehung der Berliner Schule, die durch lange Strukturen und sich wiederholende Abläufe gekennzeichnet ist.
Berührungspunkt zwischen Rock und Avantgarde
Gleichzeitig nahm in Westdeutschland eine Bewegung zur Verschmelzung von Rock- und Avantgarde-Kunst Fahrt auf. Als Reaktion auf den britischen und amerikanischen Rock entstanden Gruppen, die Improvisation, Wiederholung und elektronische Klänge aktiv einbezogen. Der Kontext dessen, was später „Krautrock“ genannt wurde, und der elektronischen Musik der Berliner Schule entwickelte sich in einer geographisch und menschlich überschneidenden Weise.
Kapitel 2 Gründung der Berliner Schule
Mandarinen-Traum
Tangerine Dream wurde 1967 gegründet und ihre frühen Werke kombinierten Rockformationen mit avantgardistischer Improvisation. In den frühen 1970er Jahren begann er mit dem Komponieren mithilfe von Synthesizern und Sequenzern.
Das Besondere daran ist seine Struktur, die Tonwechsel und improvisierte Melodien über ein sich wiederholendes Sequenzmuster legt. Durch diese Methode entstand eine lange Struktur, die den Zeitfluss selbst musikalisiert und sich von traditionellen Liedformaten unterscheidet.
Klaus Schulze
Nach der Teilnahme bei Tangerine Dream und Ash Ra Tempel wird sich Klaus Schulze auf seine Solokarriere konzentrieren. Seine Werke zeichnen sich durch länger anhaltende Noten, allmähliche Veränderungen und Improvisation aus. In vielen Fällen ist der Rhythmus nicht klar erkennbar und der Übergang der Klangfarbe selbst bildet die Struktur.
Von Anfang an arbeitete Schulze in einem privaten Studio und übte mit zahlreichen Synthesizern und Tonbandgeräten vielschichtige Aufnahmen. Diese Produktionsform beeinflusste auch die spätere Ambient- und Drone-Musik.
Ash Ra Tempel / Ashra
Ash Ra Tempel begann als Projekt, das elektronische Klänge, Gitarre und Improvisation verband. In späteren Jahren produzierte er unter dem Namen Ashra weitere elektronische und architektonische Werke. Die Ausgewogenheit repetitiver Sequenzen und melodischer Elemente verdeutlicht die Vielfalt der Berliner Schule.
Kapitel 3 Musikalische Features
Struktur mit Sequenzer wiederholen
Das markanteste Element der Berliner Schule ist das wiederholte Klangmuster, das von analogen Sequenzern erzeugt wird. Ein festes Muster, das lange anhält und sich durch Filter- und Hüllkurvenoperationen allmählich ändert. Diese Methode betont eher das Zeitgefühl als das Taktgefühl.
Langformat
Während herkömmliche Pop- und Rockmusik auf mehrminütige Songstrukturen setzt, ist es in der Berliner Schulmusik keine Seltenheit, dass ein einzelner Song über 20 Minuten dauert. Dies ist eine Form, die durch die Entwicklung improvisatorischer Darbietungs- und Aufnahmetechnologien ermöglicht wurde.
Tondesign
Die Instabilität und Fluktuation analoger Synthesizer wurden Teil der Klangästhetik der Berliner Schule. Die winzigen Abweichungen, die durch Temperaturänderungen und Spannungsschwankungen verursacht werden, verleihen der mechanischen Wiederholung ein organisches Aussehen.
Kapitel 4 Verbindung zur Geschichte der elektronischen Musik
Die Berliner Schule ist zwischen akademischer elektronischer Musik und populärer Musik angesiedelt. Es handelt sich weder um eine rein theoretische Komposition noch um kommerzielle Liedformen. Diese Zwischenstellung verstärkte ihren Einfluss auf die nachfolgenden Genres.
Ab den späten 1970er Jahren entwickelten sich sequenzbasierte Kompositionstechniken zu Synth-Pop, New Age und Ambient. Die Komponisten der Berliner Schule selbst erweiterten ihre Aktivitäten um Filmmusik und kommerzielle Werke.
Kapitel 5 Veränderungen seit den 1980er Jahren
Mit der Verbreitung digitaler Synthesizer und MIDI hat sich die Produktionsumgebung dramatisch verändert. Die mit analogen Geräten verbundenen Einschränkungen wurden verringert und die Reproduzierbarkeit verbessert. Andererseits wird die Kontingenz der frühen Berliner Schule reduziert.
In dieser Zeit wurde die Methode der Berliner Schule als Prototyp für Techno und Trance neu interpretiert. Die Verschmelzung sich wiederholender Beats und Sequenzen erhält im Kontext der Tanzmusik eine neue Bedeutung.
Kapitel 6 Vererbung bis in die Neuzeit
Im 21. Jahrhundert werden modulare Synthesizer neu bewertet. Die Methode der Berliner Schule erregt in kleinen Studios und bei der Live-Improvisation wieder Aufmerksamkeit. Dies ist nicht auf Nostalgie zurückzuführen, sondern auf ein wachsendes Interesse an in Echtzeit generierter Musik.
Kapitel 7 Detaillierte Analyse der technischen Grundlagen
Dieses Kapitel organisiert die spezifischen technischen Elemente, die die Berliner Schule begründeten, indem es sie in drei Schichten unterteilt: Musikinstrumente, Steuerungssysteme und Aufnahmetechniken.
Analoger modularer Synthesizer
Der Kern der Berliner Schule war der spannungsgesteuerte analoge modulare Synthesizer. Durch die Struktur der freien Verbindung von Oszillatoren, Filtern, Verstärkern und Hüllkurven mittels Patchkabeln entstand eine Produktionsumgebung, in der das musikalische Ergebnis nicht im Vorfeld vollständig festgelegt war.
Dieser Nichtdeterminismus ist eng mit dem kompositorischen Konzept der „Zeitproduktion“ der Berliner Schule verbunden. Da Tonhöhe und Rhythmus nicht durch die Notenschrift, sondern als Kette von Spannungsänderungen verwaltet werden, existiert Musik eher als Prozess als als Blaupause.
Analoger Sequenzer
Analoge Sequenzer waren Geräte, die mehrere Schritte von Spannungswerten durchliefen und die physische Unterstützung für die sich wiederholende Struktur der Berliner Schule lieferten. Jeder Schritt ist zeitlich gleichmäßig verteilt, melodische und harmonische Konturen werden jedoch durch die Einstellung der Spannungswerte geformt.
Wichtig ist, dass die Sequenz auf einem „Zyklus“ und nicht auf einem „Takt“ basiert. Dadurch wurde der Rhythmus nicht nur zu einem Rahmen für den Tanz, sondern zu einer Grundlage für die Erweiterung des Zeitgefühls des Zuhörers.
Bandaufzeichnung und mehrschichtiger Aufbau
Mehrspuraufnahmen und Tonbandbearbeitung spielten in der frühen Berliner Schule eine wichtige Rolle. Durch die Aufzeichnung langer Zeiträume improvisatorischer Darbietungen, die Bearbeitung und Überlagerung von Teilen davon wurde eine nichtlineare Struktur aufgebaut. Dies ist eine Einstellung, die das Studio als Kompositionsraum betrachtet und als Präzedenzfall für spätere DAW-ähnliche Produktionsdenken angesehen werden kann.
Kapitel 8 Analyse der Struktur repräsentativer Werke
In diesem Kapitel werden wir die Namen bestimmter Werke nicht auflisten, sondern sie als bestätigbare Strukturtypen analysieren.
Einzelsequenz-Erweiterungstyp
Ein Format, bei dem sich eine bestimmte Sequenz durch den gesamten Song zieht und durch Tonänderungen und das Hinzufügen von Ebenen erweitert wird. Der Lauf der Zeit selbst bildet die Struktur und herkömmliche Konzepte der thematischen Entwicklung und Modulation werden zum Hintergrund.
Unschlagbarer Dauertontyp
Eine Form, die auf anhaltenden Noten und langsamen Wechseln basiert, ohne eine klare Reihenfolge. Es spielt eine herausragende Rolle in den Werken von Klaus Schulze und wurde zum Prototyp für spätere Ambient- und Drone-Musik.
Bearbeitungstyp für Improvisationsaufnahmen
Ein Format, das Live- oder Studioimprovisationen als Material nutzt und durch Post-Editing strukturiert wird. Diese Methode verwischt die Grenzen zwischen Komposition und Aufführung und positioniert das Werk als Aufzeichnung eines Ereignisses.
Kapitel 9 Verbindung zur Filmmusik
Ab Ende der 1970er Jahre weiteten Komponisten der Berliner Schule ihre Aktivitäten auf den Bereich der Filmmusik aus. Lang anhaltende Klänge, repetitive Verläufe und elektronische Töne haben eine hohe Affinität zur Zeitachse von Bildern.
Die Methode der Filmmusik der Berliner Schule zeichnet sich dadurch aus, dass sie eher auf räumliche Gestaltung als auf melodiegetriebene Musik setzt. Anstatt eine Geschichte zu illustrieren, spielt Musik eine Rolle beim Aufbau einer psychologischen und physischen Umgebung.
Diese Praxis wurde in die spätere filmische Ambient- und Sounddesign-orientierte elektronische Musik übernommen.
Kapitel 10 Vergleich mit vor/nach Kraftwerk
Um die Berliner Schule genau zu verstehen, ist es notwendig, ihre Beziehung zu Kraftwerk chronologisch zu ordnen.
Vor Kraftwerk
Vor Kraftwerk legte die Berliner Schule Wert auf Improvisation und lange Formen. Der Rhythmus ist fließend und das Stück wird eher als Übergang denn als Fortschritt wahrgenommen. Zu diesem Zeitpunkt war elektronische Musik ein Ausweg aus Rock und akademischer elektronischer Musik.
Nach Kraftwerk
Kraftwerk reorganisierte elektronische Musik in klare rhythmische Strukturen und repetitive Beats. Dies hat zur internationalen Akzeptanz elektronischer Musik als tanzbare Form geführt. Andererseits hielt die Berliner Schule Abstand vom Beatzentrismus und behielt ihre eigene Linie als zeitexpandierende Musik bei.
Diese Divergenz als Unterscheidung zwischen Techno/Synthpop und Ambient/Drone gab der elektronischen Musikkarte späterer Jahre eine klare Achse.
Chronologie
- 1950er Jahre Gründung eines akademischen Studios für elektronische Musik
- 1960er Jahre: Popularisierung modularer Synthesizer
- 1967 wurde Tangerine Dream gegründet
- Anfang der 1970er Jahre: Etablierung der Kompositionsmethode der Berliner Schule
- Ende der 1970er Jahre: Entwicklung im Bereich Filmmusik
- Zweig der elektronischen Musik der 1980er Jahre nach Kraftwerk
- Seit den 2000er Jahren: Modulare Neubewertung und Wiederbelebung der Improvisationskultur
Strukturdiagramm
Abschluss
In der Geschichte der elektronischen Musik wird die Berliner Schule als eine Bewegung positioniert, die eher das Zeitgefühl als das Format verändert hat. Sein Einfluss nimmt still, aber sicher weiter zu.