Einführung: Techno als strukturierte Gewalt
Text: mmr|Thema: Industrial Techno/harte experimentelle Struktur, Geschichte und Akustiktechnologie
Industrial Techno / Hard Experimental Techno ist eine Musikform, die akustische Materialien, Schalldruck, Verzerrung und Lärm extrem in den Vordergrund stellt und gleichzeitig die repetitive zeitliche Struktur von Techno beibehält. Dieses Genre unterscheidet sich von einer musikalischen Perspektive, die sich auf emotionalen Ausdruck und Melodie konzentriert und auf den physikalischen Eigenschaften des Klangs selbst und der Kontrolle der Zeit durch Wiederholung basiert.
Bei diesem Trend geht es nicht nur um „intensive Clubmusik“. Es entstand als Ergebnis der Anpassung der über viele Jahre in der Industriemusik, EBM, Noise und experimenteller elektronischer Musik kultivierten Vorstellungen von materieller Orientierung, Unpersönlichkeit und struktureller Überlegenheit an den streng funktionalen Raum der Tanzfläche.
1. Historische Vorgeschichte: Die Schnittstelle von Industrial Music und Techno
Die ab den späten 1970er Jahren entstandene Industriemusik zerstörte bewusst die moderne musikalische Prämisse musikalischer Töne, Melodien und Harmonien und behandelte nichtmusikalische Materialien wie Metallklänge, Geräusche, mechanische Klänge und Tonbandschleifen als strukturelle Einheiten. Diese Idee, „das Material selbst in Musik umzuwandeln“, wurde zur Grundlage des späteren Sounddesigns des Industrial Techno.
Andererseits zeichnet sich der in den 1980er Jahren etablierte Techno durch Wiederholung, Synchronisation und gerasterte Zeit aus und hat sich in Richtung der Eliminierung menschlicher Schwankungen entwickelt. Industrial Techno entstand durch die direkte Verbindung der Zeitstruktur von Techno mit der materiellen Ausrichtung von Industrial-Musik.
2. Entstehung des frühen Industrial Techno
In den frühen 1990er Jahren erschien eine Gruppe von Tracks mit Schwerpunkt auf industriellen Texturen an der Schnittstelle von Hard Techno, EBM Techno und Dark Techno. Diese zeichnen sich durch eine Betonung der Tonhärte, der Verzerrungsdichte und der anorganischen Wiederholung statt hoher Geschwindigkeit oder radikaler Entwicklung aus.
Der Rhythmus ist linear, Swing und Funk sind äußerst zurückhaltend. Anhaltender Druck und homogener Vortrieb hatten Vorrang vor menschlichem Geist.
3. Neudefinition nach 2010er Jahren
In den 2010er Jahren erlangte Industrial Techno erneut eine starke Präsenz. Die klangliche Raffinesse von Post-Minimal-Techno und industrieller Gewalt wurden verschmolzen und auf kontrollierte Weise neu definiert.
Ein Merkmal dieser Ära ist, dass Verzerrungen und Rauschen nicht zufällig platziert werden, sondern nach strenger Kontrolle von Band, Phase und Dynamik eingearbeitet werden. Die Zerstörbarkeit war ein Designziel und wurde für die Spielumgebung eines Clubs optimiert.
4. Mathematische Rhythmusanalyse
Der Rhythmus von Industrial Techno mag oberflächlich wie eine einfache 4/4-Wiederholung erscheinen, doch darunter verbirgt sich ein präzises Zeitschema. Wenn die Zeitachse t ist und der Zeitpunkt des Auftretens des Tritts K_i ist, wird die Grundperiode T_K wie folgt ausgedrückt.
K_{i+1} - K_i = T_K
Bei 120 BPM beträgt T_K etwa 0,5 Sekunden. Snare- und Impulsgeräusche haben bezüglich dieser Periode eine Phase φ.
S_j = K_i + φ_S
Hochfrequentes Rauschen und Hi-Hat basieren auf der Periodenteilung T_H = T_K / n, und es wird eine kleine absichtliche Abweichung ε hinzugefügt.
H_k = K_i + k · T_H + ε_k
Dieses ε_k wird in Millisekunden gesteuert und erzeugt innerhalb einer vollständigen mechanischen Wiederholung winzige Spannungen. Daraus lässt sich die Rhythmusdichte D(t) wie folgt definieren.
D(t) = Σδ(t-K_i) + Σδ(t-S_j) + Σδ(t-H_k)
Diese Änderung der Dichte beeinflusst das Gefühl von Druck und Eintauchen in den Song.
5. Kapitel zur Ausrüstungsspezialisierung: TR Drum Machine
Die Roland TR-Serie hat eine zentrale Rolle bei der Rhythmusgestaltung im Industrial Techno gespielt.
Der Kick des TR-909 hat einen scharfen Anschlag und anhaltende Bässe und lässt sich gut mit der Verzerrungsverarbeitung kombinieren. Industrial Techno verstärkt den Druck, indem er auf diesem Kick basierende Subbass- und Noise-Schichten überlagert.
Der TR-606 verfügt über eine harte, kurze Snare und Hi-Hat, die dazu dienen, die sich wiederholende Struktur zu definieren. Moderne Modelle wie das TR-8 haben es einfacher gemacht, Polyrhythmen mithilfe nicht ganzzahliger Divisionsschritte zu konstruieren.
6. Kapitel zur Ausrüstungsspezialisierung: Modulare Synthesizer und Geräuscherzeugung
Modulare Synthesizer fungieren als Geräte zur Erzeugung von Lärmschichten und Instabilität im Industrial Techno.
Der Oszillator verwendet eine Rechteck- oder Sägezahnwelle, begrenzt das Band mit einem Filter und erzeugt einen impulsartigen Klang mit einer extrem kurzen Hüllkurve. Diese werden mit dem Drum-Trigger synchronisiert und in den Rhythmus eingebunden.
In einer modularen Umgebung dient Lärm nicht als Melodie oder Dekoration, sondern als Verstärkung der rhythmischen Struktur selbst.
7. Künstleranalyse: Perc
Percs Track verkörpert die „kontrollierte Gewalt“ des Industrial Techno. Der Kick hat eine klare Mitte und die Verzerrung konzentriert sich auf den Mitteltonbereich. Der Tieftonbereich wird nicht zerstört und die körperliche Stabilität beim Spielen des Schlägers ist gewährleistet.
Die Entwicklung ist minimal und die Struktur wird durch Ändern der Verzerrungstextur und Anpassen der Geräuschdichte gebildet, anstatt die Anzahl der Töne zu erhöhen oder zu verringern. Die rhythmische Phasenlage ist minimal und die Treue zum Raster bleibt erhalten.
8. Künstleranalyse: Antike Methoden
Die Werke von Ancient Methods präsentieren Industrial Techno als rituelle Struktur. Die Wiederholung ist äußerst zurückhaltend und die Entwicklung erfolgt über lange Zeiträume.
Die Tritte sind schwer und gleichmäßig verteilt, und der Lärm und der Nachhall nehmen den gesamten Raum ein. Räumliche Dichte und Nachhallfahnen spielen dabei eine wichtigere Rolle als rhythmische Veränderungen.
Der Industrial Techno in Ancient Methods ist Tanzmusik, aber er fungiert als Gerät, das das Hörerlebnis selbst verändert.
9. Misch- und Schalldruckdesign
Bei der Mischung von Industrial Techno steht der Druck über der Klarheit. Eine wahllose Sättigung aller Bänder kann jedoch vermieden werden.
Der Tieftonbereich beschränkt sich auf Kick und Bass, der Mitteltonbereich ist das Hauptschlachtfeld für verzerrtes Material und der Hochtonbereich wird von Rauschen und Nachhall dominiert. Diese Bandaufteilung ermöglicht sowohl extremen Schalldruck als auch strukturelle Stabilität.
10. Bodenfunktion und Körperlichkeit
Industrial Techno bietet radikale Akustik, ohne auf die Funktionalität auf der Clubfläche zu verzichten. Dies liegt daran, dass die Rhythmusstruktur konservativ ist.
Der Körper ist vorhersehbaren Schlägen ausgesetzt und das Gehör ist unvorhersehbaren Geräuschen ausgesetzt. Diese duale Struktur erzeugt ein Gefühl des Eintauchens und der anhaltenden Spannung.
11. Chronologie
| Jahre | Veranstaltungen |
|---|---|
| 1970er Jahre | Industrial-Musik etabliert materialorientierte Struktur |
| 1980er Jahre | Techno etabliert eine sich wiederholende Zeitstruktur |
| 1990er Jahre | Fusion aus hartem Techno und Industrial |
| 2010er | Neudefinition von modernem Industrial Techno |
| 2020er | Integration von präzisem akustischem Design und Körperlichkeit |
Abschluss
Industrial Techno / Hard Experimental Techno ist kein chaotischer Lärm, sondern eine äußerst kontrollierte Struktur. Dort werden Gewalt, Verzerrung und sogar Druck zu Gestaltungsobjekten.
Praktiken wie Perc und Ancient Methods verschieben die Grenzen der Techno-Form und verwandeln Musik in ein Gerät, das Körper und Räume neu organisiert. Dieses Genre wird sich sowohl hinsichtlich der Struktur als auch des Klangs weiter vertiefen.