[Kolumne] Digitalisierung der DJ-Kultur: Von Plattenspielern zu Algorithmen
Column de Culture DJ Digital
Prolog: Als die Nadel und der Takt herrschten
Text: mmr|Thema: Die Geschichte der Entwicklung der DJ-Kultur, in der sich die Körperlichkeit des Analogen und die Effizienz des Digitalen kreuzen und die Bedeutung des Akts der Musikauswahl neu definiert.
Die DJ-Kultur ist eine Kultur, die aus extremen körperlichen Zwängen entsteht. Hip-Hop wurde in den 1970er Jahren in der Bronx, New York, geboren und etablierte sich als eine Praxis der Rekonstruktion bestehender Musik. Im Mittelpunkt standen DJs wie Grandmaster Flash.
Mit zwei Plattenspielern und einem Mischpult erweiterten sie den Groove für die Tänzer, indem sie bestimmte Pausen auf der Platte wiederholten. Wichtig hierbei ist, dass dieser Vorgang vollständig manuell erfolgte. Das Anpassen des Tempos erforderte den Einsatz von Ohren und Fingerspitzen, und jegliche Abweichungen wirkten sich sofort auf den Boden aus.
Darüber hinaus waren Schallplatten nicht nur eine Klangquelle, sondern auch kulturelles Kapital. Die Persönlichkeit eines DJs wurde dadurch bestimmt, welche Platten er besaß und welche Teile jeder Platte er kannte. Auch die Beziehungen zu Plattenläden und -vertrieben waren wichtig, und Information und physischer Vertrieb waren eng miteinander verknüpft.
DJs dieser Ära waren nicht „diejenigen, die Klang reproduzieren“, sondern „diejenigen, die die Zeit herausschneiden und rekonstruieren“. Musik wurde zunehmend als bearbeitbares Material und nicht als etwas, das linear floss, behandelt.
Die innerhalb der Grenzen verfeinerte Körperlichkeit bildete die Grundlage der DJ-Kultur
Reifung der analogen Technologie und Ausbau der Clubkultur
Von den 1980er bis Anfang der 1990er Jahre entwickelten sich DJ-Technologie und Clubkultur rasant. House und Techno wurden in Chicago und Detroit geboren, und DJs wandelten sich von bloßen Partyveranstaltern zu denen, die die Richtung der Musik bestimmten.
In dieser Zeit wurde die Plattenspielertechnik weiter verfeinert und fortgeschrittene Techniken wie Scratchen, Transformer und Jonglieren etabliert. Diese wurden im Kontext des Hip-Hop entwickelt, beeinflussten aber auch die Clubmusik.
Gleichzeitig entwickelte sich der Clubraum selbst weiter. Elemente wie große Soundsysteme, Beleuchtung und lange Sets werden integriert, und der DJ ist für den Aufbau der Erzählung im Laufe der Nacht verantwortlich.
Zu diesem Zeitpunkt war analoge Musik noch der Mainstream, und es gab physische Einschränkungen wie das Gewicht der Schallplatten und die Kosten für ihren Transport. Allerdings waren es auch Faktoren, die eine sorgfältige Auswahl der Songs förderten und den Stil des DJs hervorstechen ließen.
Einschränkungen waren eine Unannehmlichkeit, aber gleichzeitig auch ein Stilmittel.
Das Aufkommen von CDJs: die erste Welle der Digitalisierung
In den späten 1990er Jahren erlebte die DJ-Kultur ihre erste große digitale Transformation. Der von Pioneer DJ entwickelte CDJ ist ein Gerät, das darauf abzielt, das Gefühl eines Plattenspielers bei der Verwendung digitaler Medien, sogenannter CDs, zu reproduzieren.
Das Erscheinungsbild des CDJ-1000 war symbolisch und ermöglichte Vorgänge, die mit analogen Geräten nur schwer möglich waren, wie etwa Scratchen mit dem Jog Wheel, Setzen von Cue-Punkten und Looping. Dadurch können DJs mit größerer Präzision und Wiederholbarkeit spielen.
Zudem war das CD-Medium leichter als Schallplatten und somit einfacher zu transportieren. Dadurch können DJs mehr Songs mit sich führen und haben so mehr Freiheit bei ihren Sets.
Andererseits gab es auch Kritik an der Klangqualität und dem Bediengefühl und nicht alle DJs haben sofort umgestiegen. Als CDJs jedoch als Clubausrüstung standardisiert wurden, wurde ihre weite Verbreitung entscheidend.
Digital hat den Standard in diesem Bereich aufgrund seiner Bequemlichkeit nach und nach neu geschrieben.
Dateibasierte DJ- und Software-Revolution
In den 2000er Jahren wurde Musik digitaler. Mit der Verbreitung von Musikdateien wie MP3 begann man, Tonquellen vollständig von physischen Medien zu trennen. Ein Symbol für diesen Wandel ist das Aufkommen von DJ-Software wie Serato DJ und Traktor.
Diese Software integriert Funktionen wie Klangquellenverwaltung, Wellenformanzeige, Beat-Analyse und Effektverarbeitung und zentralisiert so die Arbeit des DJs. Von besonderer Bedeutung war das Digital Vinyl System (DVS), das den Betrieb digitaler Tonquellen mit einem herkömmlichen Plattenspieler ermöglichte.
Wellenformanzeigen fügten der Arbeit des DJs ein visuelles Element hinzu. Das Beat-Matching, das bisher nur auf den Ohren beruhte, kann jetzt auf dem Bildschirm überprüft werden, wodurch Genauigkeit und Geschwindigkeit verbessert werden. Andererseits argumentieren einige, dass dies zu einem relativen Rückgang der Bedeutung von „Techniken zur Anpassung nach Gehör“ geführt hat.
Darüber hinaus hat sich auch die Methode zur Gewinnung von Schallquellen geändert. Mit der Verbreitung von Online-Shops ist es möglich geworden, Musik aus der ganzen Welt sofort zu kaufen und herunterzuladen, wodurch regionale Beschränkungen erheblich gelockert werden.
Musik hat sich von physischen Objekten zu Daten gewandelt und die Arbeitsumgebung von DJs hat sich grundlegend umstrukturiert.
Controller-Kultur und Schnittstellentransformation
Mit der Weiterentwicklung der Software erscheinen dedizierte MIDI-Controller. Dies gibt DJs eine neue Schnittstelle, die nicht auf herkömmliche Plattenspieler angewiesen ist.
Durch die Verwendung von Pads zum Auslösen von Samples, komplexen Effektoperationen und Loop-Unterteilungen hat sich der Controller von einem Gerät zum „Abspielen“ von Songs zu einem Instrument zum „Manipulieren“ von Songs entwickelt. Dieser Wechsel verwischte die Grenze zwischen DJing und Live-Auftritt.
Darüber hinaus wird es einfacher, mehrere Decks gleichzeitig zu bedienen, und Methoden wie Mashups und Echtzeit-Remixe werden alltäglich. DJs haben sich zu Menschen entwickelt, die bestehende Songs kombinieren und vor Ort neue Strukturen schaffen.
Zu diesem Zeitpunkt hat sich die Rolle des DJs deutlich verändert. Er ist mehr als nur ein Musikselektor geworden, er ist zu einem Interpreten geworden, der Musik in Echtzeit bearbeitet.
Änderungen an der Benutzeroberfläche haben die Art und Weise verändert, wie wir mit Musik selbst umgehen.
Streaming-Ära: Ein endloser Katalog
Ende der 2010er Jahre verlagerte sich der Schwerpunkt des Musikkonsums auf Streaming. Dienste wie Spotify und Beatport haben auch das Soundquellenmanagement von DJs beeinflusst.
Manche DJ-Software lässt sich mittlerweile in Streaming integrieren, sodass Sie Songs abspielen können, ohne sie lokal speichern zu müssen. Dadurch erhalten DJs Zugriff auf einen Katalog mit mehreren zehn Millionen Songs.
Diese Bequemlichkeit brachte jedoch auch neue Herausforderungen mit sich. Dazu gehören die Abhängigkeit von der Internetverbindung, Probleme mit der Audioqualität und Lizenzbeschränkungen. Darüber hinaus erschwerten die endlosen Möglichkeiten auch die Songauswahl.
Früher wurde die optimale Auswahl an Songs anhand einer begrenzten Anzahl von Datensätzen getroffen, heute muss jedoch aus einer großen Anzahl von Songs entschieden werden, „was nicht ausgewählt werden soll“.
Unendliche Möglichkeiten haben die Musikauswahl noch bedeutungsvoller gemacht.
KI und Automatisierung: die Zukunft der Musikauswahl
In den 2020er Jahren beginnt die KI-Technologie einen Einfluss auf die DJ-Kultur zu haben. Automatisches Beat-Matching und Key-Analyse gehören bereits zum Standard und ermöglichen auch Einsteigern ein qualitativ hochwertiges Mixen.
Darüber hinaus verändern KI-basierte Songempfehlungen und Playlist-Generierung den Songauswahlprozess selbst. Algorithmen schlagen auf der Grundlage riesiger Datenmengen optimale Songs vor, dabei handelt es sich jedoch nur um statistisch optimale Lösungen.
Im Raum eines Clubs sind nicht-numerische Elemente wie Publikumsreaktion und Atmosphäre wichtig, und es ist schwierig, diese mit einem Algorithmus vollständig abzubilden.
Daher wird KI nicht als Ersatz für DJs positioniert, sondern als unterstützendes Werkzeug. Die endgültige Entscheidung bleibt immer noch dem Menschen überlassen.
Mit der Weiterentwicklung der Technologie steigt der Wert der menschlichen Intuition relativ.
Zeitleiste: Digitalisierung der DJ-Kultur
Strukturdiagramm: Änderungen in Technologieebenen
Fazit: DJing als Kunst der Wahl
Die Digitalisierung der DJ-Kultur ist nicht nur ein technologischer Fortschritt, sondern auch eine Veränderung im Verhältnis zur Musik. Befreit von körperlichen Zwängen haben DJs jetzt mehr Freiheiten als je zuvor.
Aber mit dieser Freiheit geht auch Verantwortung einher. Was kann man aus den unendlichen Möglichkeiten auswählen und wie ordnet man sie an? Dieses Urteil bestimmt den Wert eines DJs.
In der Vergangenheit war die Auswahl an Plattentaschen naturgemäß durch physische Zwänge begrenzt. Mittlerweile ist diese Einschränkung weggefallen, aber die Bedeutung der Wahl hat tatsächlich zugenommen.
Ein DJ ist nicht jemand, der Musik spielt, sondern jemand, der Zeit und Raum bearbeitet. Diese Essenz bleibt auch im digitalen Zeitalter unverändert.
Was nach der Digitalisierung bleibt, ist die Kunstfertigkeit des Selektionsakts selbst.