[Kolumne] Musikalisches Denken bei Jean-Michel Basquiat: Gemäldeproduktion als DJ-artige Collage
Column de Art Hiphop Jazz
Zeichnen in Musik: Basquiats Produktionsumgebung
| Text: mmr | Thema: Die Produktion von Jean-Michel Basquiat war von einer „Sampling-Mentalität“ geprägt, die an der Schnittstelle von Jazz und Hip-Hop stand. Dieser Artikel interpretiert den Produktionsprozess als DJ-ähnliche Collage. |
New York in den frühen 1980er Jahren. Es wird gesagt, dass Jean-Michel Basquiat in seinem Studio in der Lower East Side immer Musik spielte. Für ihn war Klang nicht nur ein Hintergrund, sondern ein Gerät, das die Geschwindigkeit und Struktur des Denkens selbst bestimmte.
Von besonderer Bedeutung war die Musik des Bebop-Innovators Charlie Parker. Schnelle, fragmentierte Phrasen, plötzliche Modulationen, Spannungen zwischen Wiederholung und Abweichung. Diese spiegeln deutlich die Sprachfragmente, Symbolschichten und improvisierten Überschreibungen in Basquiats Gemälden wider.
Gleichzeitig war er tief mit der Hip-Hop-Kultur verbunden, die ihren Ursprung in der Bronx hatte. Die Plattenspieler-Technologie von Grandmaster Flash stellte eine neue Möglichkeit dar, die Zeit zu manipulieren, Klänge zu zerhacken, sie neu anzuordnen und ihre Bedeutung zu aktualisieren. Basquiat transformiert dies in eine visuelle Methode.
Malen ist kein statischer Akt. Es handelt sich um eine zeitlich fortschreitende Darbietung, die im Einklang mit der Musik kontinuierlich aktualisiert wird.
Klang fungierte nicht als Hintergrund, sondern als Rhythmus des Denkens selbst
Schichten von Jazzstruktur und Malerei
Bei Charlie Parkers Performance geht es darum, ein Thema vorzustellen, es zu zerlegen und zu rekonstruieren. Hierbei handelt es sich um ein sogenanntes „Kopf → Solo → Kopf“-Format, wichtig sind jedoch die Abweichungen und Regressionen, die dazwischen auftreten.
Eine ähnliche Struktur lässt sich in Basquiats Werk erkennen. Beispielsweise werden Wörter und Symbole einmal geschrieben, dann gelöscht, überschrieben und erscheinen wieder. Diese Wiederholung ist nicht nur eine Modifikation, sondern eine „Improvisation der Bedeutung“.
Diese kreisförmige Struktur steht im Einklang mit der Jazzimprovisation. Der Bildschirm ist nicht vollständig, sondern immer als laufende Arbeit vorhanden.
Zu Basquiats Lieblingsjazzmusikern gehören neben Charlie Parker auch Dizzy Gillespie und Miles Davis, doch gemeinsam haben sie die Einstellung, „Strukturen aufrechtzuerhalten und sie gleichzeitig zu zerstören“.
Diese Spannung verleiht seinen Bildern einen einzigartigen Rhythmus und eine einzigartige Dichte.
Gemälde existieren eher als fortlaufende Improvisationen als als feste Bilder.
Hip Hop und Sampling-Denken
In den frühen 1980er Jahren war Hip-Hop eine experimentelle Kultur, die noch nicht institutionalisiert war. Grandmaster Flash behandelte den Plattenspieler als Instrument, extrahierte Breakbeats aus vorhandenen Platten und konstruierte neue Musik.
Bei dieser „Probenahme“ handelt es sich nicht nur um ein Zitat. Es ist ein Akt des Ausschneidens und Einfügens verschiedener Zeiten und Kontexte, um neue Bedeutungen zu erzeugen.
Ein ähnlicher Vorgang ist in Basquiats Bildschirmen zu beobachten. Medizinische Bücher, Geschichte, Straßenkultur, Werbung und poetische Fragmente. Wenn diese dekontextualisiert und neu geordnet werden, erhalten sie eine neue Bedeutung.
Dies ist genau die gleiche Struktur wie ein DJ-Mix. Wichtig ist nicht, „etwas Originelles zu schaffen“, sondern „wie man bestehende Elemente neu konfiguriert“.
Für Basquiat, der zur gleichen Zeit aktiv war, als der Hip-Hop entstand, war dieser Gedanke äußerst natürlich.
Durch die Neuanordnung vorhandener Fragmente entsteht eine neue Bedeutung
Lärm, Wiederholung und urbaner Rhythmus
Die Stadt New York selbst war für Basquiat eine riesige Klanglandschaft. Der Lärm der U-Bahn, das Treiben auf der Straße, der Bass des Clubs. Sie alle beeinflussen seine Produktion.
Er hörte nicht nur Musik, er nahm die „Geräusche der Stadt“ auf. Dadurch weisen seine Arbeiten starke geräuschartige Elemente auf. Durcheinander angeordnete Buchstaben, Wiederholungen von Zeilen und visuelles Rauschen.
Dies passt auch zur Loop-Struktur des Hip-Hop. Kleinste Veränderungen häufen sich in einem bestimmten Rhythmus.
Durch diesen Prozess wird Basquiats Werk zu mehr als nur visueller Kunst, sondern hat eine „klangliche Struktur“.
Geräusche sehen und Bilder hören. Dieses Durchqueren von Empfindungen ist der Kern seines Ausdrucks.
Der Stadtlärm wurde direkt in den Rhythmus der Malerei umgesetzt
Maler als DJ──Erstellung und Schnitt
Der Schlüssel zum Verständnis von Basquiats Produktion liegt nicht im „Zeichnen“, sondern im „Bearbeiten“. Anstatt den Bildschirm in einem Zug fertigzustellen, überschreibt, löscht und ordnet er ihn immer wieder neu.
Dieser Vorgang ist dem Mischen einer Schallplatte durch einen DJ sehr ähnlich. Entscheidend sind nicht die Materialien, sondern wie sie kombiniert werden.
In seinen Werken tauchen immer wieder dieselben Wörter auf, werden gelöscht und neu geschrieben. Diese Wiederholung hat die gleiche Funktion wie eine Schleife in der Musik.
Durch diesen Kreislauf erhält das Werk eine Struktur, die sich ständig verändert, ohne festgelegt zu werden.
Infolgedessen existieren Basquiats Gemälde nicht als „vollendete Bilder“, sondern als „Überreste der Bearbeitung“.
Beim Schaffen geht es nicht darum, etwas von Grund auf neu zu erschaffen, sondern darum, es weiter zu bearbeiten.
Chronologie: Basquiat entwickelt sich mit der Musik weiter
Fazit: Klang als visuelle Kunst
Jean-Michel Basquiats Werk liegt an der Schnittstelle zweier musikalischer Prinzipien: Jazz und Hip-Hop. Charlie Parkers Improvisation und Grandmaster Flashs Sampling. Durch die Verschmelzung dieser beiden entstand sein einzigartiger Ausdruck.
Seine Bilder sind nicht nur etwas zum Anschauen, sondern auch etwas zum Zuhören. Fragmente, Wiederholungen, Lärm, Neuordnungen. Sie alle haben eine musikalische Struktur.
Um Basquiat zu verstehen, muss man nicht nur seinen Gemälden, sondern auch seinen Klängen zuhören. Dies liegt daran, dass seine Produktion immer von Musik begleitet wurde.
Dieser Produktionsprozess ist auch der Prototyp für alle modernen Kreationen: Sampling, Remixing und Collage.
Basquiats Gemälde visualisieren die Struktur der Musik.